Blixwerk

Eilauftrag: Wie viel Aufschlag, ohne schlechtes Gewissen?

2026-10-24

Montag, 8:05 Uhr. Katrin steht in der Tiefgarage, eine Hand am Fahrradlenker, in der anderen das Handy. Auf dem Display steht die Mail einer Agentur aus Hamburg. Dreizehn Seiten Produktbroschüre, Englisch auf Deutsch. Bis morgen früh um neun.

Sie übersetzt seit vier Jahren. Diese Agentur kennt sie. Die Leute sind nett, und sie zahlen meistens auch.

Ihr Daumen schwebt über dem Antwortfeld. Sie tippt: „Klar, schaffe ich. Gleicher Preis wie sonst?“

Sie löscht das Fragezeichen. Dann den ganzen Satz.

Der Satz, den du schon kennst

Vielleicht kennst du das auch, nur mit anderem Beruf. Es ist nicht deine Sprache, dein Layout oder dein Code, sondern ein Kunde, der es eilig hat. Und du, die oder der „ja klar“ sagt, bevor du nachgedacht hast.

In Katrins Kopf laufen drei Stimmen gleichzeitig.

Die erste sagt: Die haben es nicht böse gemeint, das ist halt ihr Zeitplan.

Die zweite sagt: Wenn du jetzt mehr verlangst, wirkst du geldgierig.

Die dritte ist leiser. Sie sagt: Du wirst heute Abend nicht kochen. Und morgen früh um sechs sitzt du wieder da.

Die dritte Stimme rechnet nicht. Sie weiß nur, dass dieser Auftrag etwas kostet, das auf keiner Rechnung steht. Den Abend, den Schlaf, den Spaziergang, der ausfällt. Und die Erinnerung daran, dass es beim letzten Mal genauso war.

Das Gewissen sitzt mit am Tisch

Es ist seltsam. Wenn ein Handwerker am Samstag kommt, wundert sich niemand über den Zuschlag. Beim Taxi um drei Uhr nachts auch nicht. Aber bei sich selbst fühlt es sich an wie eine Frechheit.

Katrin hat das nie jemandem erzählt. Sie hat es auch Freundinnen gegenüber nicht zugegeben. Sie hat früher einmal einen Eilauftrag zum normalen Preis angenommen, zwei Nächte durchgearbeitet und danach drei Tage gebraucht, um wieder klar zu denken. Der Kunde hat sich herzlich bedankt. Er hat nicht geahnt, was dahinter lag.

Das schlechte Gewissen entsteht nicht, weil der Aufschlag unfair wäre. Es entsteht, weil du dir in dem Moment nicht sicher bist, was du eigentlich wert bist. Du hast keine Zahl im Kopf, auf die du dich stützen kannst. Nur ein Gefühl, und das Gefühl sagt meistens: bloß nicht auffallen.

Fünf Minuten später

Katrin schiebt das Rad an die Wand und setzt sich auf die unterste Stufe der Treppe. Sie atmet einmal durch. Dann öffnet sie nicht das Postfach, sondern ihre eigene Übersicht. Die Seite mit ihrem Mindeststundensatz, den sie vor ein paar Wochen ausgerechnet hat, ohne dass es dringend war. Einfach so, an einem ruhigen Nachmittag.

Die Zahl steht da. Sie ist ihre, sie ist nüchtern, und sie hat nichts mit Laune oder Mut zu tun.

Und plötzlich ist die Frage eine andere. Nicht mehr: Darf ich das verlangen? Sondern: Was braucht dieser Auftrag, damit er für mich aufgeht?

Sie schreibt zurück. Drei Sätze:

„Guten Morgen, ich kann das bis morgen früh liefern. Für Aufträge mit dieser Frist rechne ich einen Eilzuschlag. Das Angebot hänge ich an, sag mir kurz Bescheid, ob das passt.“

Sie liest es einmal. Es klingt nicht entschuldigend. Es klingt wie eine Frau, die ihr Geschäft kennt.

Sie drückt auf Senden. Ihr Herz klopft kurz, wie nach einer zu schnellen Treppe.

Die Antwort kommt nach elf Minuten

„Passt. Danke, dass es klappt.“

Mehr nicht. Kein Drama, kein langer Verhandlungsabsatz, keine Enttäuschung. Die Mail ist kürzer als ihre eigene.

Katrin sitzt noch eine Weile auf der Treppe. Sie ist ein bisschen erleichtert und ein bisschen ärgerlich. Wie oft hätte sie das früher schon so sagen können?

Aber der Ärger zieht vorbei. Was bleibt, ist etwas Leises. Ein Gefühl, das sie lange nicht hatte, wenn ein Eilauftrag reinkam: Sie hat die Sache in der Hand.

Ein Montag, der ihr gehört

Den Tag über übersetzt sie konzentriert und ohne Hetze. Um halb eins isst sie etwas Warmes. Um sechs schickt sie die erste Hälfte vorab, damit die Agentur schon mal lesen kann. Um halb zehn geht sie schlafen, zu einer Uhrzeit, die sie sich vorher nie zugetraut hätte. Der Rest wartet am Morgen, und am Morgen ist sie frisch.

Die Rechnung schreibt sie am nächsten Mittag. Sauber, mit Eilzuschlag als eigener Zeile, Fälligkeitsdatum und Gesamtbetrag. Sie schickt sie ab, bevor der Kaffee kalt wird.

Kein Aufschieben, kein Bauchgrummeln, kein „mache ich am Wochenende“.

Was sich eigentlich verändert hat

Katrin hat nicht plötzlich mehr Selbstvertrauen bekommen. Sie hat eine Zahl in der Hand, die ihr gehört. Eine Grundlage, auf der sie ruhig antworten kann, auch wenn der Kunde Druck macht.

Das schlechte Gewissen ist nicht ganz verschwunden. Aber es sitzt nicht mehr am Kopfende des Tisches. Es sitzt irgendwo hinten und hat nichts mehr zu melden.

Wenn du beim Lesen genickt hast, kennst du wahrscheinlich dieses Zögern vor dem Absenden. Und die Nacht, die ein „Klar, mache ich“ kosten kann.

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