Blixwerk

Festpreis genannt, Verlust gemacht? Die Kasse um 17:40

2026-10-27

Die Schlange an der Kasse ist lang, und Marie steht mittendrin. Es ist Dienstag, 17:40 Uhr. Im Wagen liegen Nudeln, Tomaten und eine Packung Kaffee, die sie eigentlich nicht braucht.

Ihr Handy zeigt die Mail eines Kunden. Betreff: „Noch eine kleine Ergänzung“. Es geht um das Webdesign-Projekt für ein Steuerbüro in Münster. Sie hat dafür 1.800 € Festpreis genannt. Ein runder Betrag. Er klang gut, als sie ihn aussprach.

Jetzt steht sie da und rechnet im Kopf. Das Erstgespräch. Die Entwürfe. Die zweite Runde, die dritte. Der Logo-Feinschliff, der gar nicht im Angebot stand. Sie schätzt: gut 50 Stunden. Vielleicht mehr.

Die Zahl, die dabei herauskommt, will sie nicht zu Ende denken.

Der Satz, den du dir nicht sagst

Die Kassiererin zieht die Tomaten über den Scanner. Marie nickt, lächelt, hört nichts.

Sie denkt: Ich habe den Preis doch selbst genannt.

Das ist der Teil, der am meisten wehtut. Niemand hat sie gezwungen. Der Kunde war freundlich und hat nicht einmal gefeilscht. Er hat sofort gesagt: „Passt, dann machen wir das.“ Damals fühlte sich das gut an. Heute fühlt es sich an wie eine Quittung.

So geht es vielen, die allein arbeiten. Du nennst eine Zahl, weil du sie aus dem Bauch schätzt, und weil ein Festpreis sicher klingt. Für den Kunden, nicht für dich. Und wenn das Projekt wächst, wächst es auf deine Kosten. Abends, am Wochenende, zwischen zwei anderen Aufträgen.

Marie fährt nach Hause und weiß: Dieses Projekt kostet sie mehr, als es bringt. Sie sagt es niemandem. Weder ihrer Schwester noch der Freundin, die auch selbstständig ist. Es klingt zu sehr nach: Ich hab's nicht im Griff.

Was es still kostet

Das Geld ist nur ein Teil davon.

Zu Hause stellt sie die Einkäufe ab und öffnet den Laptop, obwohl sie sich vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Die Ergänzung sei „bestimmt in zehn Minuten erledigt“, schreibt der Kunde. Sie kennt diese zehn Minuten. Sie dauern nie zehn Minuten.

Sie fängt an, die Antwort zu tippen. Löscht sie. Tippt neu. Ein „Gern“ wäre bequem. Ein „Das liegt außerhalb des Angebots“ fühlt sich an wie ein Streit, den sie nicht führen will. Dabei weiß sie nicht einmal sicher, wie viel Zeit bisher drinsteckt. Sie hat nicht mitgeschrieben. Sie hat nur ein Gefühl, und das Gefühl sagt: zu viel.

Also sagt sie nichts. Sie arbeitet an der Ergänzung. Der Abend ist wieder halb weg.

Und da ist noch etwas, das leiser ist. Das Gefühl, sich selbst nicht ernst zu nehmen. Als wäre ihre Arbeitszeit etwas, das man großzügig verschenken darf, solange der Kunde nett bleibt.

Der Moment, in dem sich etwas dreht

Am Donnerstag sitzt Marie mit einer Tasse Tee am Küchentisch. Kein Termin, kein Anruf. Nur ein leeres Blatt und der Gedanke: Ich will einmal ehrlich wissen, wo ich stehe.

Nicht, um sich zu verurteilen. Nur, um es zu sehen.

Sie fragt sich zum ersten Mal richtig: Was muss eine Stunde von mir eigentlich mindestens bringen? Nicht das, was sich „okay“ anfühlt. Sondern das, womit die Miete, die Krankenkasse, die Rücklagen fürs Finanzamt und ein bisschen Luft zusammenpassen. Was dabei herauskommt, ist höher als gedacht. Deutlich höher als der Wert, den ihr Festpreis am Ende ergeben würde.

Es ist komisch: Der Schreck ist kleiner als erwartet. Weil da jetzt eine Zahl steht. Eine klare. Mit der kann man reden.

Sie versteht, dass der Fehler nicht war, ein Projekt zu mögen oder freundlich zu sein. Der Fehler war, ohne eigenen Boden unter den Füßen zu verhandeln. Wer nicht weiß, was die eigene Stunde mindestens kosten muss, nennt einen Preis wie einen Wunsch. Und Wünsche kann man schlecht verteidigen.

Ein Montag, der anders anfängt

Stell dir vor, wie das später aussieht.

Montagmorgen, kurz nach acht. Eine neue Anfrage kommt rein, ein kleines Projekt für eine Physiotherapie-Praxis. Marie liest die Mail und spürt kein Ziehen im Magen. Sie weiß, welche Stunde ihr mindestens zusteht. Sie weiß, wie viele Stunden sie realistisch einplant, und sie rechnet einen Puffer ein, weil Projekte nun mal wachsen.

Sie schreibt das Angebot. Im Angebot steht klar, was enthalten ist und wie viele Korrekturrunden. Der Preis steht da, ruhig, ohne Entschuldigung.

Und wenn der Kunde später doch noch „eine Kleinigkeit“ möchte, sitzt sie nicht mit klopfendem Herzen vor dem Cursor. Sie schreibt freundlich, dass das ein Zusatz ist, und nennt, was er kostet. Das Gespräch dauert zwei Minuten. Es ist nicht einmal unangenehm.

Um sechs klappt sie den Laptop zu. Draußen riecht es nach Regen und nach dem Bäcker an der Ecke. Der Abend gehört ihr.

Das ist keine Zauberei. Es ist nur der Unterschied zwischen Ich hoffe, dass es reicht und Ich weiß, was ich brauche.

Und das alte Projekt?

Das Steuerbüro-Projekt wird sie fertigstellen. Sie ist niemand, der etwas halb liegen lässt. Aber sie schreibt die Stunden ab jetzt mit. Sie hat sich vorgenommen, beim nächsten Mal anders zu fragen, anders zu rechnen und den Festpreis erst zu nennen, wenn sie ihre Untergrenze kennt.

Das alte Projekt bleibt eine Lehre, kein Urteil über sie. Fast jeder, der allein arbeitet, hat so ein Projekt irgendwo im Ordner.

Wenn du dich in dieser Schlange an der Kasse wiedererkennst, mit einem Preis im Kopf, der sich nicht mehr richtig anfühlt, dann fang vielleicht dort an, wo Marie am Küchentisch angefangen hat: bei deiner eigenen Zahl.

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