Blixwerk

Stuhlmiete, Friseurin: Wie viel für Steuern zurücklegen?

2026-10-19

Mittwoch, 13:10 Uhr. Jana sitzt auf der Hintertreppe des Salons, die Foliensträhnen der Vormittagskundin noch in den Gedanken, das Käsebrötchen halb gegessen. Das Handy liegt auf dem Knie. Auf dem Display: eine Nachricht von Mara, die zwei Stühle weiter arbeitet.

„Hab gerade meinen Bescheid bekommen. Nachzahlung. Ich sag dir, mir ist schlecht.“

Jana liest den Satz zweimal. Dann legt sie das Brötchen weg.

Seit zwei Jahren mietet sie hier ihren Stuhl. Die Miete geht jeden Monat pünktlich raus, das weiß sie genau. Alles andere weiß sie ungefähr. Und „ungefähr“ ist ein Wort, das sich auf einmal sehr dünn anfühlt.

Das Gefühl, nur ungefähr zu wissen

Die Kundinnen zahlen, mal bar, mal mit Karte. Das Trinkgeld landet im Glas oder auf dem Terminal. Manches schreibt Jana abends in ein Heft, manches nicht. Am Sonntag sitzt sie manchmal auf dem Sofa, addiert Zahlen aus dem Kopf und kommt auf etwas anderes als auf dem Kontoauszug.

Das Konto sieht ganz gut aus. Genau das ist das Problem. Auf dem Konto liegt Geld, aber ist es ihr Geld? Oder liegt dort der Teil, der irgendwann dem Finanzamt gehört, der Krankenkasse, der Rentenversicherung? Sie weiß es nicht. Und sie hat sich nie getraut, es laut zu fragen, weil es sich anfühlt, als müsste man das als Selbstständige längst wissen.

Sie weiß es nicht. Sie ist gut mit Farbe, mit Schnitten, mit nervösen Bräuten. Aber bei der Frage, wie viel sie zurücklegen soll, wird sie still.

Der Satz, der hängen bleibt

Am Nachmittag steht Frau Brandt im Stuhl, Ansatz und Glanz. Jana lächelt, plaudert, föhnt. Im Kopf läuft währenddessen ein zweiter Film: Was, wenn bei ihr auch so ein Brief kommt? Was, wenn sie im Frühjahr eine Summe zahlen soll, die es auf ihrem Konto gar nicht mehr gibt, weil sie im Sommer den neuen Föhn gekauft hat und im August zwei Wochen Pause gemacht hat?

Um 16:20 Uhr kommt Herr Yilmaz zu seinem Haarschnitt nicht. Der Termin war eingetragen, der Stuhl blieb leer. Jana wartet zehn Minuten, schreibt eine freundliche Nachricht und bekommt keine Antwort. Sie zuckt innerlich mit den Schultern, wie immer. Passiert halt.

Doch an diesem Mittwoch rechnet sie unwillkürlich mit. Ein leerer Termin, eine knappe Stunde, die niemand bezahlt. Wie oft im Monat passiert das? Sie müsste raten. Und genau das stört sie inzwischen mehr als der leere Stuhl selbst.

Nicht noch eine Tabelle, bitte

Am Abend sitzt sie nicht mit Panik am Küchentisch. Sie ist eher müde und ein bisschen ehrlich zu sich selbst. Sie öffnet das Heft, blättert zurück, sieht die Lücken: eine Woche ohne Einträge im Mai, drei Tage im Juli, der ganze Urlaubsmonat nur mit „war weg“.

Sie denkt: Ich brauche nicht mehr Disziplin. Ich brauche einen Ort, an dem alles landet, ohne dass ich jedes Mal nachdenken muss, wie ich es eintragen soll. Bar, Karte, Trinkgeld, ausgefallene Termine. Ein Blick pro Woche, kein Abend voller Zahlenakrobatik.

Sie will nicht gleich Buchhaltungsprofi werden. Sie will nur wissen, wo sie steht. Und ihre Steuerberaterin, die sie sich vor Kurzem endlich gesucht hat, soll am Ende nicht in einem Karton wühlen müssen, sondern ein ordentliches Bild bekommen. Was zurückgelegt werden soll, entscheidet sie ohnehin mit ihr zusammen. Das ist nicht Janas Aufgabe allein. Ihre Aufgabe ist, die Zahlen so vorzubereiten, dass das Gespräch leicht wird.

Ein anderer Mittwoch

Stell dir denselben Mittwoch ein paar Monate später vor.

13:10 Uhr, dieselbe Hintertreppe, dasselbe Käsebrötchen. Das Handy liegt wieder auf dem Knie. Diesmal öffnet Jana nicht den Chat, sondern einmal kurz ihre Übersicht. Die Vormittagskundinnen sind eingetragen, Bargeld und Kartenzahlung stehen nebeneinander, und die Zahlen passen zusammen. Kein Zusammenrechnen im Kopf, kein „ungefähr“.

Sie sieht, was im Monat hereingekommen ist. Sie sieht, was der leere Stuhl von gestern kostet. Und sie sieht, welche Behandlungen sich für ihre Zeit wirklich lohnen und welche sich nur voll anfühlen. Manches überrascht sie. Manches bestätigt, was sie längst ahnte.

Auf einmal ist die Frage nach den Steuern nicht mehr ein dunkler Fleck. Sie ist eine ruhige Frage mit ordentlichen Zahlen daneben. Beim nächsten Termin legt sie ihrer Steuerberaterin eine klare Übersicht hin und fragt: „Was sollte ich für mich zur Seite legen?“ Die Antwort kommt von jemandem, der es wissen kann. Und Jana nickt, notiert sich die Zahl und fühlt sich zum ersten Mal wie die Chefin ihres eigenen kleinen Betriebs.

Das Brötchen schmeckt plötzlich nach Brötchen.

Was sich dann ändert

Es ist nichts Spektakuläres. Der Sonntag gehört wieder dem Sofa und nicht dem Heft. Wenn Mara das nächste Mal schreibt, kann Jana mitfühlen, ohne dass ihr Magen mitrutscht. Wenn jemand nicht erscheint, ärgert sie sich kurz, schreibt den Termin ein und weiß, was er sie gekostet hat. Und wenn sie ihre Preise anpassen will, hat sie Zahlen, auf die sie sich stützen kann, statt eines Bauchgefühls, das sich nicht traut.

Niemand muss dafür zur Buchhalterin werden. Es reicht ein einfacher Ort, an dem Einnahmen, Termine und ausgefallene Stunden zusammenfinden. Zehn ruhige Minuten pro Woche, nicht mehr.

Wenn du dich in Jana erkennst

Vielleicht sitzt du auch gerade irgendwo zwischen zwei Kundinnen und fragst dich, ob das Geld auf deinem Konto wirklich deins ist. Das ist keine Schwäche. Es ist die ganz normale Lage, wenn man seinen Stuhl mietet und alles andere nebenbei mitträgt.

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