Handwerkermarkt in zwei Wochen: Wie viel Ware machen?
2026-10-22
Donnerstag, 12:15 Uhr. Mareike sitzt im Auto vor dem Töpferbedarf, den Motor aus, die Tüte mit zwei Eimern Glasur auf dem Beifahrersitz. Auf dem Handy: die Bestätigung vom Veranstalter. Ihr Stand beim Kunsthandwerkermarkt ist gebucht. Aufbau Samstag ab 7 Uhr.
Sie freut sich. Eine halbe Sekunde lang.
Dann kommt der Gedanke, der seit Tagen im Hintergrund mitläuft: Wie viele Tassen soll ich eigentlich machen?
Mareike ist eine Figur in dieser Geschichte, aber vielleicht kennst du sie. Sie dreht Keramik, allein, in einer gemieteten Garage mit Brennofen. Und sie hat in zwei Wochen einen Markt vor sich, auf dem sie keine Ahnung hat, was passieren wird.
Das Bauchgefühl im Auto
Sie rechnet im Kopf. Letztes Jahr, derselbe Markt: War es ein gutes Wochenende? Es fühlte sich gut an. Sie war müde und zufrieden. Aber wie viele Müslischalen waren es? Waren die kleinen Becher schneller weg als die großen? Und welche Glasur ging gar nicht?
Sie weiß es nicht. Irgendwo gibt es einen Zettel. Vielleicht in der Jackentasche vom Markttag. Vielleicht im Kassenbuch, das sie nach dem dritten Eintrag nicht mehr geführt hat.
Also fällt die Entscheidung, wie sie meistens fällt: nach Gefühl. Lieber zu viel als zu wenig, denkt sie. Dann denkt sie an den Keller voller Ware vom letzten Winter, und der Satz kippt. Lieber nicht zu viel.
Beides fühlt sich falsch an.
Was das Raten kostet
Das Unangenehme am Raten ist nicht die Zahl selbst. Es ist alles, was daran hängt.
Ein Brennofen fasst nur so viel. Jede Ladung bedeutet Stunden, Strom, Glasur und einen Tag, an dem du nichts anderes tust. Wenn du zu wenig brennst, steht der Stand am Samstagmittag halb leer, und du siehst Leute weitergehen. Wenn du zu viel brennst, liegt das Geld in Regalen und Kartons, und du hast es schon ausgegeben.
Dazu kommt die leise Frage, die niemand laut stellt: Verdiene ich an den kleinen Schalen überhaupt etwas? Der Ton, die Glasur, der Strom, die Standgebühr, die Zeit am Drehtisch. Mareike hat eine Ahnung. Aber keine Zahl. Und eine Ahnung ist ein wackliger Boden, wenn du sagst: „Die kostet 18 Euro.“
Sie kennt das auch vom Alltag. Online bestellt jemand eine Tasse, sie packt sie ein, und erst beim Blick ins Regal merkt sie, dass von der Sorte nur noch zwei da sind. Und die brauchte sie für den Markt.
So sitzt sie im Auto, die Glasur auf dem Beifahrersitz, und fühlt sich ein bisschen wie jemand, der ein Hobby hat, das zufällig Umsatz macht. Nicht wie jemand, der einen Betrieb führt.
Der Abend mit dem Stift
Am Abend legt sie sich einen Block auf den Küchentisch. Sie will es einmal ordentlich machen. Sie schreibt Produkte auf, was sie noch hat, was ungebrannt im Regal steht, was an Bestellungen offen ist. Nach zwanzig Minuten hat sie drei durchgestrichene Zeilen, einen Kaffeefleck und ein ungutes Gefühl: Die Zahlen liegen verteilt in Kopf, Notizbuch, Shop-Account und Handy.
Sie klappt den Block zu.
Aber irgendetwas bleibt hängen. Nicht die Zahlen. Der Gedanke: Es müsste nicht so sein, dass ich jedes Mal bei null anfange.
Was, wenn alles an einem Ort stünde? Was noch da ist. Was eine Schale wirklich kostet. Was bis wann raus muss. Und vor allem: was letztes Mal tatsächlich weggegangen ist, nicht, was sich so angefühlt hat.
Kein großes System. Eher eine Liste, die mitdenkt, damit sie es nicht mehr allein im Kopf tragen muss.
Ein Montag, an dem es anders ist
Stell dir denselben Markt vor, nur mit einem ruhigeren Davor.
Montagmorgen, 9 Uhr, Mareike steht mit dem Kaffee in der Garage. Sie öffnet eine einzige Übersicht. Dort sieht sie, welche Becher gut gelaufen sind und welche Schale kaum Gewinn bringt. Sie sieht, wo der Bestand knapp wird und was in der nächsten Ladung unbedingt dabei sein muss.
Sie plant die zwei Brennungen bis zum Markt, und sie plant sie mit Zahlen statt mit Sorgen. Wenn die Ware nicht reicht, weiß sie das jetzt und nicht am Samstag um 11 Uhr. Wenn sie etwas weglässt, weiß sie warum.
Und wenn am Mittwoch eine Online-Bestellung reinkommt, sieht sie sofort, bis wann sie rausmuss und ob der Marktbestand dafür angetastet wird.
Das Beste daran ist nicht die Ordnung. Es ist der Kopf. Die Frage „Reicht das?“ läuft nicht mehr den ganzen Tag im Hintergrund mit. Sie arbeitet, dreht, glasiert, und abends ist Feierabend.
Am Markttag selbst steht sie hinter ihrem Tisch, und wenn jemand fragt: „Gibt es die Tasse auch in Grün?“, weiß sie, was im Karton hinter ihr liegt. Wenn jemand sagt: „Zwanzig Euro? Hm“, steht sie ruhig da. Sie kennt ihre Zahl.
Und danach
Sonntagabend, der Markt ist vorbei. Kein Zettel in der Jackentasche, den sie suchen müsste. Sie trägt ein, was weggegangen ist, in fünf Minuten, noch auf dem Sofa. Beim nächsten Markt, beim nächsten Weihnachtsgeschäft fängt sie nicht wieder bei null an.
Das ist keine Zauberei. Es ist einfach der Unterschied zwischen „Ich glaube, das reicht“ und „Ich sehe, dass es reicht“.
Wenn du dich im Auto vor dem Töpferbedarf wiedererkannt hast
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