Kunde will Gratis-Probe vor dem Auftrag? Der Balkon
2026-11-01
Dienstag, 16:40 Uhr. Mira steht auf dem Balkon, in der einen Hand die Gießkanne, in der anderen das Handy. Die Tomaten hängen schlapp. Auf dem Display steht eine Mail, die sie vor zehn Minuten zum zweiten Mal gelesen hat.
„Wir finden Ihr Portfolio sehr ansprechend. Bevor wir final entscheiden, würden wir uns freuen, wenn Sie uns einen kleinen Entwurf für die Startseite zeigen könnten. Rein unverbindlich, als Eindruck. Bei Zusage geht es dann direkt los.“
Mira ist Webdesignerin, seit vier Jahren selbstständig. Sie gießt die Tomaten weiter, obwohl der Topf längst überläuft.
„Rein unverbindlich“ klingt nach wenig
Das Wort „klein“ steht in der Mail. Das Wort „unverbindlich“ auch. Beides klingt, als wäre es kaum der Rede wert. Ein Nachmittag vielleicht. Zwei Stunden. Ein Layout, das sie ohnehin im Kopf hat.
Sie weiß, wie das ausgeht. Aus zwei Stunden werden sechs, weil sie es nicht halbherzig abgeben kann. Sie sucht Bilder, probiert Schriften, baut die Navigation. Am Ende liegt etwas Fertiges auf dem Tisch, und niemand hat dafür bezahlt.
Und trotzdem tippt sie im Kopf schon die Antwort: „Gern! Wann brauchen Sie es?“
Denn da ist diese andere Stimme. Der Monat war dünn. Zwei Rechnungen sind noch offen. Wenn sie Nein sagt, sucht sich der Kunde vielleicht jemanden, der Ja sagt. Und dann ist da wieder die Lücke im Kalender, die sie nachts um drei zu zählen beginnt.
Was das Ja wirklich kostet
Sie stellt die Gießkanne ab und setzt sich auf den Klappstuhl.
Es geht ihr gar nicht nur um die Stunden. Es geht um das leise Gefühl, sich beweisen zu müssen. Als würde das Portfolio nicht reichen. Als müsste sie noch einmal vorsprechen, obwohl sie längst gezeigt hat, was sie kann.
Sie denkt an den Friseur, bei dem sie nie gefragt hat: „Schneiden Sie mir erst mal eine Seite gratis, dann sehe ich weiter.“ Nicht, weil sie sich das nicht trauen würde. Sondern weil es absurd wäre. Und doch fühlt sich das hier plötzlich normal an, nur weil es per Mail kommt und höflich formuliert ist.
Sie merkt: Das Ja kostet sie nicht nur einen Nachmittag. Es kostet sie ein Stück von dem Satz, den sie sich so mühsam angewöhnt hat: Meine Arbeit hat einen Preis.
Der Satz, der nicht kommen will
Sie öffnet die Antwort-Mail. Der Cursor blinkt.
„Vielen Dank für Ihr Interesse, leider …“ Gelöscht. Zu steif.
„Ich würde das sehr gern machen, aber …“ Gelöscht. Das klingt, als würde sie sich entschuldigen.
„Ich arbeite grundsätzlich nicht ohne …“ Gelöscht. Zu hart. Die Leute meinen es ja nicht böse. Wahrscheinlich hat die Geschäftsführerin einfach schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht und will sich absichern.
Das ist der Moment, den niemand ihr beigebracht hat. Nicht die Gestaltung, nicht die Technik. Sondern: Wie sagt man Nein, ohne die Tür zuzuschlagen? Wie bleibt man freundlich und trotzdem klar?
Sie trinkt einen Schluck lauwarmen Tee und schaut zu den Tomaten. Eine einzige ist schon rot.
Die Idee mit dem Entwurf für die Antwort
Mira kennt das Gefühl, wenn man eine Mail so lange umformuliert, bis sie nichts mehr sagt. Sie weiß auch, dass sie solche Texte für ihre Kunden ständig schreibt: ruhig, klar, auf den Punkt. Für sich selbst fällt es ihr schwer.
Also tut sie etwas Einfaches. Sie beschreibt kurz die Lage: Kunde will unbezahlten Entwurf, ich möchte freundlich ablehnen, aber ein bezahltes Angebot machen. Dann liest sie, was zurückkommt. Es ist kein fertiger Text. Aber es ist ein Anfang, an dem sie nur noch zwei Wörter ändern muss, damit es nach ihr klingt.
Sie liest den Absatz laut auf dem Balkon. Er klingt nicht verletzt. Nicht beleidigt. Eher wie jemand, der seinen Beruf ernst nimmt und trotzdem gern zusammenarbeiten würde.
Sie schickt die Mail ab, bevor die Zweifel zurückkommen.
Wie sich der Mittwoch anfühlt
Am nächsten Morgen sitzt sie am Schreibtisch und wartet nicht. Das ist der eigentliche Unterschied. Früher hätte sie alle zehn Minuten das Postfach aktualisiert. Jetzt läuft die Kaffeemaschine, und sie arbeitet an dem Projekt, für das sie bereits einen Vertrag hat.
Um elf kommt die Antwort. Kurz. „Verstanden, danke für die klare Auskunft. Können Sie uns ein Angebot für die Startseite schicken?“
Vielleicht kommt daraus ein Auftrag. Vielleicht auch nicht. Das weiß sie nicht, und das ist in Ordnung. Wichtig ist: Sie hat nicht ihre Zeit verschenkt, um dazuzugehören. Sie hat gesagt, was sie bietet und wie es funktioniert.
Am Nachmittag gießt sie die Tomaten. Diesmal nur so viel, wie der Topf braucht.
Ein Nein ist kein Streit
Vielleicht erkennst du dich in Mira wieder. Nicht unbedingt als Webdesignerin, sondern als jemand, der schon einmal vor einer höflichen Mail saß und spürte: Wenn ich jetzt Ja sage, ärgere ich mich später. Und wenn ich Nein sage, wie soll ich es formulieren?
Das Schwierige ist selten die Entscheidung. Es ist der Ton. Die richtigen Worte um 16:40 Uhr, wenn der Monat dünn ist und die Stimme im Kopf laut wird.
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