Kunde zahlt jeden Monat zu spät – aufhören? Montag, 9:15
2026-10-28
Montag, 9:15 Uhr. Der Videocall mit dem Verlag ist gerade zu Ende, und Katrin sitzt noch einen Moment vor dem schwarzen Bildschirm. Der Kaffee ist lauwarm. Sie lektoriert seit zwei Jahren für diesen kleinen Fachverlag, jeden Monat ein Paket, jeden Monat eine Rechnung.
Der Call war nett. Wie immer. Herr Brandt hat sich für die schnelle Arbeit bedankt und gefragt, ob sie im Herbst noch zwei weitere Titel übernehmen kann. Sie hat „klar, gern“ gesagt.
Und die Rechnung vom September? Fünf Wochen alt. Nicht bezahlt. Genau wie die vom August, die erst nach Wochen kam, und die vom Juli.
Sie hat das Thema im Call nicht erwähnt. Wie immer.
Der Kontostand, den du nicht ansprichst
Katrin klappt den Laptop nicht zu. Sie öffnet das Bankkonto, nur um zu schauen. Als würde das Geld dadurch eintreffen.
Die Miete geht in vier Tagen ab. Es reicht, knapp. Aber „knapp“ ist inzwischen ihr Normalzustand, und er hat einen Preis, den keine Rechnung ausweist: das leise Ziehen im Magen, wenn das Handy beim Einkaufen vibriert. Der Blick auf den Kontoauszug, bevor sie sich ein Buch kauft. Der Gedanke an der Supermarktkasse: Hoffentlich geht die Karte durch.
Sie weiß, was ihre Freundin sagen würde: „Dann lass den Kunden doch fallen.“ Klingt einfach. Ist es nicht.
Denn Herr Brandt ist kein schlechter Kunde. Er ist freundlich, er lobt, er schickt interessante Manuskripte. Er zahlt nur immer irgendwann. Meistens nach vier, fünf Wochen, einmal nach sieben. Nie böswillig, nie mit Streit. Einfach: später.
Die Frage, die sich nicht entscheiden lässt
Am Nachmittag, beim Spaziergang um den Block, dreht sich alles im Kreis.
Wenn sie aufhört, fehlt ein Drittel ihres Umsatzes. Mitten im Herbst. Wer weiß, ob so schnell ein neuer Kunde kommt.
Wenn sie bleibt, macht sie weiter den stillen Kredit-Geber für einen Verlag, der nie darum gebeten hat, aber ihn selbstverständlich annimmt.
Und dazwischen die Frage, die am meisten wehtut: Ist es überhaupt der Kunde, der das Problem ist? Oder ist es, dass sie nie nachhakt? Dass sie jede Erinnerung für Betteln hält? Dass sie lieber fünf Wochen wartet, als einmal einen ruhigen Satz zu schreiben?
Sie schreibt in Gedanken drei Mails. Alle klingen entweder wie eine Entschuldigung oder wie eine Drohung. Keine klingt nach ihr.
Der Satz, der etwas verschiebt
Am Abend telefoniert sie mit ihrem Bruder, der einen kleinen Malerbetrieb führt. Sie erzählt, halb im Scherz: „Ich weiß nicht mal, ob ich den Kunden loswerden will oder nur das Gefühl.“
Er lacht kurz. Dann sagt er: „Hast du ihm je gesagt, dass es dich stört?“
Hat sie nicht. Kein einziges Mal. Der Kunde kennt kein Problem, weil sie nie eins gezeigt hat.
Das ist kein Vorwurf an sie. Es ist eher eine kleine, unbequeme Entdeckung: Sie hat die Entscheidung „bleiben oder gehen“ vor sich hergetragen, obwohl es noch eine Stufe davor gibt. Eine ruhige, klare, freundliche Stufe. Erst fragen, dann entscheiden. Und danach weiß sie wenigstens, auf welcher Grundlage sie entscheidet.
Nicht, dass das alles löst. Vielleicht ändert Herr Brandt nichts. Vielleicht bleibt sie trotzdem, vielleicht geht sie. Aber diese Entscheidung würde dann aus Klarheit kommen und nicht aus Bauchweh.
Ein anderer Montag
Stell dir vor, du hast für solche Momente eine Übersicht. Ein Blick, und du siehst: Diese Rechnung ist seit zehn Tagen offen, die nächste freundliche Erinnerung ist heute dran, der Text liegt schon bereit. Du musst ihn nicht erfinden, nicht um jedes Wort ringen. Du passt zwei Zeilen an und schickst ihn ab.
Nach dem Call gehst du in die Küche, füllst den Kaffee nach und er schmeckt wieder nach Kaffee. Das Geld kommt nicht immer sofort. Aber du weißt, wo jede Rechnung steht und was der nächste ruhige Schritt wäre. Das Handy vibriert im Supermarkt, und es ist einfach das Handy.
Und wenn ein Kunde über Monate bei jeder Erinnerung zu spät zahlt, hast du schwarz auf weiß, wie es wirklich aussieht. Dann entscheidest du, ob du bleibst, ob du Konditionen änderst oder ob du dich verabschiedest, mit Zahlen vor dir statt mit einem Knoten im Magen.
Du bist dann nicht plötzlich hart. Du bist nur nicht mehr still.
Wenn du dich in Katrin wiedererkennst
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Es nimmt dir nicht die Entscheidung ab, ob du einen Kunden behältst. Es sorgt nur dafür, dass du sie mit klarem Kopf treffen kannst. Ein Ersatz für rechtliche oder steuerliche Beratung ist es nicht.
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