Kunden höflich kündigen als Freelancer? Die Sonntagsmail
2026-10-17
Sonntag, 15:40 Uhr. Mara sitzt auf der Bank vor dem Haus, eine Tasse Tee in der Hand, die Sonne wärmt noch ein bisschen. Ein guter Moment. Dann vibriert das Handy.
Hallo Mara, kurze Frage noch zum Layout. Können wir morgen früh telefonieren? Es sind nur Kleinigkeiten.
Absender: Herr Brandt.
Mara legt das Handy mit dem Display nach unten auf die Bank. Ihr Magen hat schon reagiert, bevor sie den zweiten Satz zu Ende gelesen hat. „Kleinigkeiten“ heißt bei Herrn Brandt: drei neue Wünsche, eine Rückfrage zu etwas, das längst abgestimmt war, und ein Ton, als wäre sie ihm etwas schuldig.
Sie ist Grafikdesignerin, selbstständig seit vier Jahren. Herr Brandt war einer ihrer ersten größeren Kunden. Damals war sie dankbar. Heute fühlt sich jede Nachricht von ihm an wie ein Gewicht auf der Brust.
Der Kunde, der mehr kostet, als er zahlt
Das Schwierige ist: Er ist nicht böse. Er ist nur anstrengend. Er schreibt sonntags, er ändert am Freitag, was am Mittwoch freigegeben wurde, und er zahlt zwar, aber erst nach der zweiten Erinnerung. Jede Rechnung an ihn fühlt sich an wie eine kleine Verhandlung.
Mara hat nie genau ausgerechnet, was er sie kostet. Aber sie spürt es. Die Montage, die schon um acht mit einem flauen Gefühl beginnen. Die Mails, die sie dreimal umformuliert, bevor sie auf „Senden“ drückt. Den Spaziergang, auf dem sie in Gedanken schon wieder mit ihm diskutiert.
Und sie denkt den Satz, den sie niemandem sagt: Eigentlich will ich nicht mehr für ihn arbeiten.
Dann kommt sofort die zweite Stimme. Das kannst du dir nicht leisten. Er ist ein Stammkunde. Wer weiß, ob im nächsten Monat etwas Neues reinkommt. Und wie sagt man das überhaupt, ohne unhöflich zu klingen?
So geht das seit Monaten. Der Gedanke taucht auf, die Angst drückt ihn wieder nach unten, und am Ende schreibt Mara einfach weiter freundliche Antworten an jemanden, bei dem sie sich jedes Mal ein bisschen kleiner macht.
Das Telefonat um 9:00 Uhr
Am Montag klingelt das Telefon pünktlich. Mara steht in der Küche, den Kaffee noch in der Hand, und hört zu. Herr Brandt redet schnell. Es geht um einen Flyer, der „eigentlich schon so gut wie fertig“ ist, aber ob sie nicht noch eine komplett andere Variante probieren könne. Nur zur Sicherheit. Natürlich im bestehenden Rahmen.
„Ich schaue es mir an“, sagt sie. Das sagt sie immer.
Nach dem Auflegen steht sie einen Moment still. Im Flur hängt der Kalender mit ihren Terminen, daneben ein Zettel vom Steuerberater-Termin im November. Sie sieht ihr eigenes Leben an der Wand hängen und denkt: Warum fühlt sich der kleinste Auftrag eigentlich am schwersten an?
Sie öffnet ein leeres Mailfenster. Lieber Herr Brandt, schreibt sie. Dann löscht sie es wieder. Zu hart. Neuer Versuch: Leider muss ich Ihnen mitteilen … Zu steif. Wieder gelöscht.
Der Cursor blinkt. Zwanzig Minuten später steht dort nur noch „Lieber Herr Brandt,“. Sonst nichts.
Der Satz, der nicht nach Flucht klingen muss
Am Nachmittag erzählt Mara ihrer Freundin Svenja am Telefon davon. Svenja arbeitet als Übersetzerin und kennt das.
„Weißt du, was ich gemerkt habe?“, sagt Svenja. „Ich dachte immer, ein Kunde geht entweder im Streit oder gar nicht. Dabei gibt es dazwischen ganz viel. Man kann ruhig sagen: Das passt gerade nicht mehr zu meiner Arbeitsweise, ich beende die Zusammenarbeit zum Monatsende, hier ist der Stand, danke für die Zeit. Fertig. Das ist kein Drama. Das ist ein Satz.“
„Ein Satz“, wiederholt Mara.
„Ein höflicher Satz. Mit offener Tür, wenn du willst. Ohne Rechtfertigung.“
Mara lacht kurz, ein bisschen erleichtert. Nicht weil das Problem gelöst wäre. Sondern weil es plötzlich eine Größe hat, die sie anfassen kann. Nicht mehr „der riesige, unaussprechliche Abschied“, sondern: eine Mail. Drei, vier Absätze. Ruhiger Ton, klarer Termin, freundlicher Schluss.
Sie merkt, was ihr die ganze Zeit gefehlt hat. Nicht der Mut. Die Worte. Wenn man nicht weiß, wie man etwas sagt, schiebt man es vor sich her, und das Schieben kostet mehr Kraft als das Sagen.
Eine andere Woche
Stell dir vor, es ist ein Montag, vier Wochen später. Mara sitzt am Küchentisch, derselbe Kaffee, dasselbe Licht. Das Handy liegt neben dem Laptop und vibriert nicht bei jedem Gedanken an einen bestimmten Namen.
Die Mail an Herrn Brandt ist raus. Sie war kurz, freundlich und klar. Er hat zwei Tage später geantwortet, ein bisschen kühl, aber sachlich. Die letzte Rechnung ist verschickt, die Dateien sind übergeben. Fertig.
In ihrem Kalender steht jetzt ein Platz, der vorher belegt war, nicht durch Arbeit, sondern durch Anspannung. Sie hat noch keinen neuen Kunden dafür. Aber sie hat ein Stück Montagmorgen zurück, an dem sie nicht mit klopfendem Herzen auf den Posteingang schaut.
Sie öffnet die nächste Anfrage, eine Bäckerei, die ein neues Logo möchte. Und zum ersten Mal seit Langem denkt sie beim Lesen nicht: Hoffentlich wird das nicht wieder so. Sondern: Mal sehen, was ich dafür verlange.
Das ist der ganze Unterschied. Nicht, dass nie wieder ein schwieriger Kunde kommt. Sondern dass du weißt, du hast Worte dafür, wenn es so weit ist.
Wenn dir nur der erste Satz fehlt
Vielleicht kennst du Sonntage wie Maras. Vielleicht gibt es bei dir auch einen Namen, bei dem sich der Magen zusammenzieht, und eine Mail, die du seit Wochen im Kopf formulierst, aber nie abschickst. Meistens liegt es nicht an fehlendem Mut, sondern daran, dass der erste Satz fehlt und danach alles klemmt.
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