Stundensatz oder Projektpreis? Der Timer am Edersee
2026-10-31
Donnerstag, 11:10 Uhr. Du stehst an einem Aussichtspunkt am Edersee. Die Sonne liegt auf dem Wasser, dein Partner macht ein Foto, und du hältst das Handy in der Hand. Nicht für das Foto, sondern für die Timer-App.
Drei Tage Auszeit hast du dir vorgenommen. Gestern Abend hast du trotzdem „nur kurz“ eine Mail an die Kundin aus Kassel beantwortet. Zwanzig Minuten. Hast du sie gestoppt? Du bist dir nicht sicher. Und genau das macht dich müde.
Der Timer, der nie Feierabend hat
Du arbeitest als Grafikdesignerin und rechnest seit Jahren nach Stunden ab. Das fühlte sich anfangs sauber an. Eine Stunde, ein Preis, kein Verhandeln.
Mit der Zeit ist daraus etwas anderes geworden. Du startest den Timer, wenn du dich hinsetzt. Du vergisst ihn beim Telefonieren. Du stoppst ihn, weil der Postbote klingelt, und startest ihn nicht wieder. Abends rekonstruierst du den Tag aus dem Kalender, dem Mailverlauf und einem Gefühl.
Und dann ist da dieser leise Gedanke, den du keinem erzählst: Wenn ich ehrlich wäre, würde ich die Hälfte der Kleinigkeiten gar nicht aufschreiben. Die kurze Rückfrage, das Umbenennen der Dateien, die dritte Farbvariante, die „ja eigentlich schon im Angebot“ war.
Du bezahlst also doppelt. Einmal mit der Arbeit selbst, und einmal mit dem Aufschreiben.
„Dann mach doch einfach Festpreise“
Im Café an der Staumauer sitzt du später vor einem Stück Streuselkuchen. Im Kopf läuft die Frage, die du seit Wochen mit dir herumträgst: Sollte ich von Stundensatz auf Projektpreis umsteigen?
Im Netz klingt es so einfach. Ein Preis, ein Paket, Schluss mit dem Stoppen. Kunden mögen Planbarkeit, heißt es.
Aber du kennst auch die andere Seite. Du hast schon einmal einen Festpreis genannt, aus dem Bauch heraus, und nachher gemerkt, dass das Projekt doppelt so lang gedauert hat. Du erinnerst dich noch an das flaue Gefühl, als die Rechnung rausging und du wusstest: Das war nicht genug.
Also sitzt du da zwischen zwei unbequemen Stühlen. Der eine kostet dich Nerven bei jeder Minute. Der andere kostet dich vielleicht Geld bei jedem Projekt.
Was du eigentlich nicht weißt
Beim zweiten Kaffee fällt dir etwas auf. Du streitest mit dir über zwei Methoden, aber beide setzen etwas voraus, das du nie richtig festgehalten hast.
Was muss eine Stunde deiner Arbeit mindestens bringen, damit am Ende etwas bleibt? Nicht der Wert, den du dir wünschst, sondern die Untergrenze. Mit Miete, Krankenversicherung, Software-Abos, dem Puffer für die ruhigen Monate und den Stunden, die niemand bezahlt.
Du hast diese Zahl irgendwann einmal grob geschätzt. Vielleicht von einem Kollegen abgeschaut. Vielleicht, weil sie „sich okay anfühlte“. Ob sie stimmt, weißt du nicht.
Und plötzlich wird dir klar, warum Festpreise dir Angst machen. Es liegt nicht an den Festpreisen. Du hast keinen Boden unter den Füßen, von dem aus du sagen könntest: „Darunter fange ich gar nicht erst an.“
Der Wanderweg zurück
Auf dem Rückweg ist es still. Dein Partner geht vor, du läufst hinterher und lässt den Gedanken laufen.
Vielleicht ist die Frage gar nicht „Stunden oder Projekt?“. Vielleicht ist es eine andere: Weißt du, was deine Zeit mindestens wert sein muss? Wenn ja, kannst du beides ruhig ausprobieren. Du kannst ein Projekt in Stunden schätzen, deine Untergrenze darunterlegen und dann entscheiden, ob du pauschal oder nach Aufwand anbietest.
Das ist keine fertige Antwort. Es nimmt nur den Druck aus der Frage. Ob Projektpreise für dich und deine Kunden passen, entscheidest du am Ende selbst, gern auch mit deiner Steuerberaterin oder deinem Steuerberater, wo es um Zahlen und Steuern geht.
Aber der Knoten im Bauch wird kleiner. Weil du ahnst, dass du nicht raten musst.
Ein anderer Montag
Stell dir den Montag nach dem Urlaub vor. Du setzt dich an den Schreibtisch, der Kaffee ist noch warm, und eine neue Anfrage liegt im Postfach. Ein Logo, ein kleiner Webauftritt, Frist in vier Wochen.
Du schaust nicht erst nach, wie viel du „so üblicherweise“ nimmst. Du kennst deinen Mindestsatz. Du schätzt grob den Aufwand, rechnest mit Luft für Korrekturrunden und nennst einen Preis. Oder du bietest nach Aufwand an, weil dir das bei diesem Kunden sicherer scheint. Beides fühlt sich nicht mehr wie ein Sprung ins Dunkle an.
Der Timer läuft vielleicht trotzdem manchmal mit, aber aus Neugier und nicht aus Zwang. Um sechs klappst du den Laptop zu. Nicht, weil du alles erfasst hast, sondern weil du weißt, dass die Zahl unter deinen Preisen trägt.
So ein Montag ist unspektakulär. Genau das ist das Schöne daran.
Wenn du dich wiedererkannt hast
Vielleicht lohnt es sich, bevor du dein ganzes Modell umbaust, erst einmal diese eine Untergrenze auszurechnen: deinen Mindest-Stundensatz und deinen Tagessatz. Danach siehst du klarer, ob dich eher das Stoppen oder eher das Schätzen belastet.
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