Blixwerk

Was kann ich absetzen? Privat und beruflich gemischt

2026-10-27

Samstag, 10:20 Uhr. Die Schlange im Drogeriemarkt ist lang, und Jana steht mittendrin. Im Korb liegen Druckerpapier, Toner-Reiniger, Shampoo, Haferdrink und eine Packung Kaffeefilter.

Sie ist Webdesignerin, seit vier Jahren selbstständig. Während das Band vor ihr ruckelt, denkt sie: Das Papier ist fürs Büro. Der Toner-Reiniger auch. Aber der Kaffee? Den trinke ich beim Arbeiten. Und das Shampoo ist, na ja, Shampoo.

Die Kassiererin zieht alles über den Scanner. Ein Bon, sieben Positionen, 23,87 Euro. Jana steckt ihn in die Jackentasche, zu den anderen Zetteln. Und spürt wieder dieses leise Ziehen im Magen.

Der Bon, der nirgends hingehört

Das Ziehen kennst du vielleicht. Es ist keine Panik, eher ein Murmeln im Hintergrund.

Die Handyrechnung: Ist das beruflich oder privat? Der Laptop, den auch der Partner nutzt. Das Mittagessen mit der Kundin, bei dem ihr zuerst über Logos gesprochen habt und dann über Urlaub. Die Online-Kurse, von denen einer fürs Geschäft war und einer „einfach interessant“.

Jana wirft nichts weg, aus Vorsicht. Aber sie sortiert auch nichts. Alles landet in derselben Jackentasche, derselben Schublade, demselben Ordner auf dem Desktop, der „Belege_neu_final“ heißt.

Und jedes Mal, wenn sie etwas kauft, läuft im Kopf derselbe kleine Film. Kann ich das absetzen? Darf ich das? Wenn ich es falsch mache, merkt das jemand?

Sie weiß es nicht. Und weil sie es nicht weiß, schiebt sie die Frage weg. Bis zum Winter.

Was das Nicht-Wissen kostet

Es sind keine großen Summen auf einmal. Es sind kleine Dinge, die sich summieren.

Da ist der Sonntagabend, an dem Jana „kurz“ die Belege durchgehen will und nach einer Stunde bei einem verblassten Kassenzettel sitzt, von dem sie nicht mehr weiß, wofür er war.

Da ist das schlechte Gefühl, wenn sie im Dezember vermutlich zu viele Zettel nicht mehr zuordnen kann und im Zweifel lieber gar nichts einträgt. Nicht, weil sie schlampig wäre, sondern weil sie sich nicht traut, zu raten.

Und da ist dieser Gedanke, den sie niemandem erzählt: Eine richtige Unternehmerin hätte das im Griff.

Dabei hat Jana das Wichtigste längst richtig gemacht. Sie hebt auf. Sie schmeißt nichts weg. Es fehlt ihr nur ein Ort, an dem die Dinge landen dürfen, bevor sie entschieden sind.

Die Frage, die ihr eine Kollegin stellt

Eine Woche später sitzt Jana in einem Coworking-Space, in dem sie zweimal im Monat arbeitet. In der Küche steht Mara, Übersetzerin, und füllt ihre Thermoskanne auf.

„Hast du schon Ordnung im Belegkram?“, fragt Jana, halb im Scherz.

Mara lacht. „Ich hatte jahrelang auch nur die Schublade. Dann habe ich irgendwann aufgehört, mir bei jedem Bon die große Frage zu stellen.“

„Welche Frage?“

„Ob es absetzbar ist. Das muss ich nämlich gar nicht in dem Moment entscheiden. Ich schreibe es auf: Datum, Betrag, wofür, beruflich, privat oder gemischt. Ob und wie es am Ende zählt, klärt meine Steuerberaterin. Ich liefere nur sortiert an.“

Sie sagt es beiläufig, wie jemand, der schon lange nicht mehr darüber nachdenkt.

Jana steht noch eine Weile mit ihrem Becher da. Ich muss es nicht entscheiden. Ich muss es nur festhalten.

Der Satz ist so klein, dass er fast unscheinbar wirkt. Aber im Magen löst sich etwas.

Ein Montag, an dem der Bon einen Platz hat

Stell dir vor, wie das aussieht.

Montag, 9:05 Uhr. Der Kaffee dampft, die erste Mail ist beantwortet. Du holst die Zettel aus der Jackentasche, es sind nur vier. Du trägst sie ein, ohne zu grübeln: Papier, Toner-Reiniger, beruflich. Haferdrink, privat. Der Kaffee, gemischt, mit einer kurzen Notiz, damit du dich im Dezember erinnerst, was du damals gedacht hast.

Das dauert zwei Minuten. Dann ist der Bon nicht mehr dein Problem, sondern ein Eintrag.

Im Oktober zeigt dir eine Übersicht, wo du stehst. Im November schaust du auf eine Liste mit den Dingen, die noch zu tun sind, und siehst, dass die Hälfte schon abgehakt ist. Im Dezember bist du nicht die Person, die nachts in Schuhkartons wühlt, sondern die, die ihrer Steuerberaterin ein ordentliches Paket schickt.

Und im Januar? Im Januar ist es einfach Januar. Kalt, grau, ein bisschen langsam. Mehr nicht.

Das ist kein großer Wurf. Es ist nur das Gefühl, dass dein Geschäft einen Ordner hat, in dem alles liegt, was dazugehört. Und dass du keine Steuerexpertin sein musst, um ihn zu führen.

Was Jana am Ende macht

An diesem Abend legt Jana ihren Jackentaschen-Stapel auf den Küchentisch. Sie wirft nichts weg und rät nichts. Sie sortiert nur in drei Häufchen: beruflich, privat, weiß ich nicht.

Der dritte Haufen ist der kleinste. Und zum ersten Mal seit Langem fühlt sich das „weiß ich nicht“ nicht wie ein Versagen an, sondern wie eine Frage, die sie in Ruhe mitnehmen kann, zum nächsten Termin, zur Steuerberaterin, mit Datum und Betrag in der Hand.

Sie schaltet das Licht über dem Tisch aus. Der Kaffee vom Samstag war übrigens gut.

Wenn du dich wiedererkennst

Vielleicht ist deine Jackentasche ein Handschuhfach, ein Desktop-Ordner oder eine Tüte im Flur. Es ändert nichts am Gefühl.

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